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Die Keynote-Vorträge des 12. Österreichischen Radgipfels legen den Fokus auf „Radverkehr im urbanen Umfeld“. Graz, Ljubljana und Groningen, drei Städte mit ähnlicher Ausgangslage in Bezug auf Fläche, Bevölkerung und Topographie, haben auffällige Unterschiede in der Zugangsweise, in der sie eine passende Ausgangslage für den Radverkehr schaffen wollen. Was verbindet diese Städte, was unterscheidet sie, und welche Schlüsse lassen sich aus unterschiedlichen oder ähnlichen Zugängen zum Radverkehr ziehen?

Das Programm des 12. Österreichischen Radgipfels wird mit insgesamt vier Keynote-Blöcken eingerahmt. Dafür konnten ExpertInnen aus dem In- und Ausland gewonnen werden:

Keynote 1 am Dienstag, 28.05. um 10:00

Bernhard Wieser:
Fahrradhauptstadt werden – Fahrradhauptstadt bleiben

Wie ist Graz zu einer Fahrradhauptstadt geworden? Der Beitrag zeigt im historischen Bogen, wie Graz durch das Zusammenspiel von fünf Faktoren immer wieder zu einer Stadt mit besonders aktivem Fahrradleben wurde.

Bernhard Wieser, Assoziierter Professor an der Science, Technology and Society Unit der Technischen Universität Graz, beschäftigt sich aus sozialwissenschaftlicher Perspektive mit technischen Innovationen und untersucht Wechselwirkungen zwischen Technik und Gesellschaft. Neben dem Fahrrad, zählen medizinische Technologien ebenfalls zu seinen Forschungsinteressen.

Keynote 2 am Dienstag, 28.05. um 15:45

Robert Huigen:
Hilfe, zu viele Fahrräder!

Die Stadt Groningen ist Vorreiterin wenn es darum geht, Fahrräder und Alltagsradverkehr in der Stadtplanung zu berücksichtigen. Nachdem 1977 Autos weitestgehend aus der Innenstadt entfernt wurden, wurde das Rad in der gesamten Stadt als Verkehrsmittel immer wichtiger und verdrängte zusehends die Autos. Diese Vorgehensweise wird grundsätzlich als Erfolg verbucht und versetzt Groningen in die Lage, mit Problemen kämpfen zu müssen, die andere Städte nur zu gerne hätten: Dort gibt es so viele Fahrräder und RadlerInnen, dass die schiere Anzahl an abgestellten und sich bewegenden Fahrrädern auch negative Auswirkungen mit sich bringt.

Robert Huigen arbeitet als leitender politischer Berater für die Stadt Groningen, die Fahrradhauptstadt der Niederlande. Sein Fachgebiet ist an der Schnittstelle zwischen Mobilität/Infrastruktur und Stadtplanung. Nachdem er sein Studium (Geografie) an der Universität Groningen abgeschlossen hatte, arbeitete er zunächst für die Gemeinde als Projektmanager mit Schwerpunkt Stadtplanung. Später arbeitete er dann für die niederländische Provinz Friesland. Fahrradverkehr und -infrastruktur waren fast immer Teil der Projekte, an denen er mitarbeitete. In seiner Freizeit fährt er gerne Rad oder macht Campingausflüge. Einmal radelte er sogar von den Niederlanden an die Grenze Kroatiens und überquerte dabei die Alpen. Die herausforderndste Reise plant er jedoch für diesen Sommer – ein Radurlaub mit seiner Freundin und seinen beiden Kindern (1 bzw. 3 Jahre alt).

Aglaée Degros:
Radfahrstrategie für kleine und mittelgroße Städte – wir lernen von Flandern

Abgesehen von Wien sind alle Städte in Österreich klein bis mittelgroß. Diese Städte haben andere Herausforderungen als große: Sie haben normalerweise viel kleinere finanzielle und personelle Ressourcen für die Umsetzung von Radfahrstrategien, stattdessen gibt es dort aber zumeist größere, spezifische Akteure, wie z.B. Schulen, UnternehmerInnen oder bestimmte Institutionen, die in der Umstellung auf aktivere Mobilität eine wichtige Rolle spielen können. Gent und Leuven (beide in Belgien) sind kleine flämische Städte, die beide seit mehreren Jahren erfolgreich neue Radinfrastrukturexperimente durchführen. Was kann man von diesen beiden Städten lernen, deren Größe mit der vieler österreichischer Städte vergleichbar ist?

Aglaée Degros ist Professorin und Vorsitzende des Instituts für Städtebau an der TU Graz. Sie ist auch außerordentliche Professorin an der Freien Universität Brüssel. Aglaée Degros wurde 1972 in Leuven geboren und studierte Architektur in Brüssel, Karlsruhe und Tampere. Im Jahr 2001 gründete sie gemeinsam mit Stefan Bendiks das Büro „Artgineering“, das sich der Verbesserung der Beziehung zwischen Landschaft, Stadt und Infrastruktur widmet. Der Firmensitz war ursprünglich in Rotterdam wurde aber 2014 nach Brüssel verlegt. Professor Degros hat Lehrstellen und Gastprofessuren an zahlreichen Universitäten inne und ist regelmäßig Jurymitglied in internationalen Stadtplanungs- und Stadtdesignwettbewerben.

Keynote 3 am Mittwoch, 29.05. um 9:45

Barbara Urban & Helmut Spinka:
Fahrradmobilität in Graz

Graz ist eine der Top Fahrradstädte in Österreich. Wie lässt sich dieses Potenzial weiterentwickeln und welche strategischen und infrastrukturellen Maßnahmen werden von der Stadt Graz dazu gesetzt? Ein detailreicher Einblick in die Arbeit der Abteilung für Verkehrsplanung in den letzten 10 Jahren, seit im Jahr 2008 in Graz der 2. Österreichische Radgipfel stattgefunden hat.

Barbara Urban studierte Bauingenieurwesen im Studienzweig „Infrastruktur und Verkehr“ an der TU Graz. Seit 2007 ist sie in der Abteilung für Verkehrsplanung der Stadt Graz, die sie seit 2018 interimistisch leitet, für die Mobilitätsstrategie und die Gesamtverkehrskonzepte verantwortlich. Helmut Spinka studierte ebenfalls Bauingenieurwesen an der TU Graz, allerdings im Studienzweig „Infrastruktur und Umwelt“. Seit 2002 sorgt er als Radverkehrsbeauftragter der Stadt Graz für den Erhalt und die kontinuierliche Weiterentwicklung der Radverkehrsinfrastruktur in Graz.

Janez Koželj:
Ljubljana: Durch Teilen (am öffentlichen Raum) teilhaben

In Ljubljana wird das Konzept von Mischverkehrsflächen als eines der effektivsten Werkzeuge für nachhaltige urbane Mobilität gehandhabt. Teilen von Verkehrsflächen ist die Vorbedingung, die erfüllt sein muss, damit die Stadt in der Lage ist, flexiblere Strukturen und effizientere Mehrzwecksysteme aufzugreifen und einzuführen. Darüber hinaus zeigt sich, dass das Konzept einen weiteren positiven Nebeneffekt hat: Durch die Interaktionen zwischen FußgängerInnen, RadfahrerInnen und Kfz-LenkerInnen wird das Gemeinschaftsgefüge in der Stadt gestärkt; die Gesellschaft wird verantwortungsbewusster, toleranter und einfühlsamer.

Janez Koželj wurde am 18. August 1945 in Ljubljana geboren. Als ehemaliger Professor für Stadtdesign an der Fakultät für Architektur in Ljubljana ist er seit Jahren ein Vorkämpfer für die kontextbezogene Herangehensweise in der Stadtplanung. Seit 1995 liegt sein Fokus auf den strategischen Aspekten modernen Stadtdesigns. In seinem Forschungsschwerpunkt auf modernen Städten setzt er Standortanalysenresultate mit seinen Bauprojekten in Beziehung und hat auf diese Art viele nationale und internationale Auszeichnungen für Architektur erhalten. Seit 2006 ist er Vizebürgermeister von Ljubljana und außerdem verantwortlich für die Stadt- und Verkehrsplanung, das Stadtdesign und Umweltschutz. Die Hauptaufgabe in seinem Amt ist es, Richtlinien und Gesetze für eine nachhaltige Umgestaltung der Stadt einzuführen.

Keynote 4 am Mittwoch, 29.05. um 14:00

Ruth Oldenziel:
Jahrhundert des Radfahrens: Wege zur Nachhaltigkeit

Wie wird man zur Fahrradstadt? Um die Antwort auf diese Frage zu finden, werfen wir einen genaueren Blick in die Vergangenheit und machen dabei eine Weltreise – wir betrachten über 100 Jahre Fahrradpolitik und -praxis unterschiedlichster Städte aus aller Welt.

Ruth Oldenziel, die 1992 ihren Abschluss in Yale gemacht hat, ist Ordinaria in Technologiegeschichte – mit besonderem Fokus auf der Beziehung zwischen Europa und den USA – an der TU Eindhoven in den Niederlanden. Sie hat zahlreiche Publikationen über die Radfahrgeschichte verfasst. Momentan leitet sie ein Forschungsprogramm zum Thema „Nachhaltige Mobilität in Städten seit den 1850ern“ und das Projekt „Cycling Cities: The Global Experience“ gemeinsam mit der Stiftung für Technologiegeschichte, das weltweit die Aufmerksamkeit von politischen EntscheidungsträgerInnen und ForscherInnen erregt hat.